Trauerfall Corona - Versuch einer Deutung

Vor kurzem war ich zur Supervision in einem Team, dessen Mitarbeitende durch ihre Arbeit viel tun haben mit Menschen in schwerer Krankheit, mit Sterben und mit Trauer.

Im Raum war eine recht angespannte Situation spürbar. Schon bei der Einstiegsrunde zur aktuellen Befindlichkeit der einzelnen zeigten sich heftige Gefühle, die sich verschieden äußerten. Neben Erschöpfung, fast lethargischer Erstarrung, neben Angst oder bedrückter Stimmung zeigten sich ebenso Rebellion, Wut oder auch Zynismus bei den Anwesenden. Im Mittelpunkt stand die aktuelle Corona-Lage und die Auseinandersetzung mit den neusten Verhaltensrichtlinien seitens der Regierenden sowie deren Auswirkungen auf Arbeits- und Privatleben.

Die verschiedenen Haltungen waren stark emotional beladen. Ein Streit zwischen „richtig“ und „falsch“ deutete sich an. Durch die hohe Emotionalität schien ein gegenseitiges Verstehen in weite Ferne gerückt und damit ein differenziertes, konstruktives Supervisionsgespräch kaum möglich zu sein.

Mir kamen die Gefühle, die zu einem heftigen Trauerprozess gehören, in den Sinn, wie sie von Verena Kast und Elisabeth Kübler Ross beschrieben wurden. Ja Natürlich! In der gegenwärtigen Situation gibt es Grund zum betrauern. Trauer ist die folgerichtige Reaktion auf einen ernsten Verlust. Und wir erleiden in dieser Zeit tatsächlich vielfältige Verluste. Persönliche Freiheiten sind zum Teil signifikant eingeschränkt, vertraute und geliebte Tätigkeiten können nicht ausgeübt werden, gewohnte Abläufe bei Arbeit und Ausbildung sind gestört oder ganz unmöglich. Bei manchen Berufsgruppen kommt es zu erheblichen Mehrbelastungen bis hin zu völliger Überforderung und entsprechender Erschöpfung. Nicht wenige verlieren ihre Gesundheit, sogar ihr Leben, oder sie erleiden den Verlust geliebter Angehöriger.

Dazu kommt die Angst, es wird lange nicht wieder wie vorher.

Besonders bemerkenswert ist für mich, dass Menschen in verschiedenen Arbeits- und Lebensbereichen diese Krise so unterschiedlich erleben. Und jeder reagiert auf seine ganz eigene Weise. Das führt zu gegenseitigem Nichtverstehen und zu Schuldzuweisungen. Unser Gefühl für gesellschaftliche Zusammengehörigkeit schwindet. Die ohnehin schon zu beobachtenden Prozesse von Spaltungen in der Gesellschaft verschärfen sich. Das Vertrauen in demokratische Problemlösungsstrategien und die Hoffnung auf Konsensfähigkeit erleiden Schaden.

Unser Leben war für Jahrzehnte geprägt von relativer Planbarkeit und Sicherheit. Viele Bedürfnisse konnten immer besser befriedigt werden, wenn auch der Preis dafür eine hohe Stressbelastung und allgemeine Anspannung war.

Nun kommt ein Virus in unser System und schreibt ein dickes Fragezeichen unter alles, was wir zur Gewohnheit gemacht und mit Mühe aufrechterhalten haben. Das grundsätzliche Vertrauen in die Unverletzlichkeit unserer Lebensverhältnisse schwindet dahin. Tiefe Verunsicherung, Ängste und Trauer sind die logische Folge.

Frau Knast, Frau Kübler-Ross und andere haben beschrieben, welche heftigen und verwirrend gegensätzlichen Gefühle bei einem Trauerfall zu erwarten sind. Niedergeschlagenheit, Auflehnung,  nicht wahrhaben wollen, Wut und Zorn, Verzweiflung und Rationalisieren sind also „normal“ in unserer Situation.

Zudem wissen und akzeptieren wir inzwischen, dass jeder Mensch seinen eigenen, ganz individuellen Trauerprozess durchläuft. Die beschriebenen Phasen können in verschiedener Reihenfolge und Intensität auftreten. Auch das ist normal, ist richtig, ist gültig.

Wichtig ist es jedoch, diesen Gefühlen Raum zu geben, sie zu sehen und wertschätzend zu respektieren statt sie als „falsch“ oder unangemessen zu verurteilen, möglicherweise zu verdrängen.

Ich meine, im Wissen darum kann es uns einzelnen als Individuum und uns als Gemeinschaft helfen, wenn wir mehr betrachtend, wahrnehmend, wertschätzend auf unser eigenes Befinden und auf das anderer blicken.

Als Therapeut weiß ich, dass im Wahrnehmen und respektieren von starken Emotionen die Chancen für deren Verarbeitung und Integration liegen.

Unterschiedliche Haltungen und Überzeugungen wirken trennend. Aus Unterschied und Unverständnis wird leicht Antipathie und dann Feindschaft. Wenn wir uns selbst und unser Gegenüber aber mit Empathie und positiver Wertschätzung, wie Carl Rogers es mit seinen „Basisvariablen“ beschreibt, annehmen lernen, mag uns das wieder mehr aufeinander zu führen. So können wir ganz wir selbst und zugleich offen für das andere sein. Kräfte und Energien, die jetzt spalten, können frei werden für kreative und mutige Lösungsansätze.

Wenn wir die gegenwärtige Situation als Trauerfall bzw. Prozess begreifen, mag das ein Ansatz zu dessen gemeinsamer konstruktiver Verarbeitung werden.

Wenn das gelingt, bietet die Corona-Krise vielleicht tatsächlich Chancen für einen Prozess des Umdenkens. Gründe, mutig neue Möglichkeiten zu denken und umzusetzen, haben wir zweifellos reichlich.

Veränderungen brauchen Mut und Entschlossenheit. Sind Sie, seid Ihr bereit, gemeinsam nach neuen Wegen zu suchen? Das frage ich mich selbst natürlich auch.

Zur Zeit sind die Tage noch kurz und die Nächte lang. Die Sehnsucht nach neuem Licht wird mächtig. Zeit der Hoffnung in dunkler Zeit, Quelle für Freude und Dankbarkeit,

oder „wenn die Nacht am tiefsten ist - ist der Tag am nächsten.“

frei nach Rio Reiser 1975

 

20 Jahre Büro für ausländische Mitbürger*innen beim Ev. Kirchenkreis Erfurt

Die Arbeit für und mit Menschen, die aus anderen Ländern nach Thüringen gekommen sind, um hier zu leben, gehört schon seit den 80er Jahren zum Tätigkeitsfeld der Evangelische Kirche In Erfurt. Was als ehrenamtliche Tätigkeit und später als Teil der evangelischen Stadtmission Erfurt begann, ist heute fester Bestandteil des evangelischen Kirchenkreises der Stadt.

Das Büro für ausländische Mitbürger'innen feierte 2020 sein 20-jähriges Bestehen als Teil des Evangelischen Kirchenkreises Erfurt.

Da aus bekannten Gründen ein angemessener Festakt nicht stattfinden konnte, Entschieden die Verantwortlichen, „Wegbegleite“ der 20-jährigen Arbeit durch ein Video-Interview auf der Homepage des Büros zu Wort kommen zu lassen.

Ich erhielt den Auftrag, diese Interviews durchzuführen und aufzuzeichnen. Sie können nun auf der Internetseite des Büros für ausländische Mitbürgerinnen Mitbürger angeschaut werden. Zu meinen InterviewpartnerInnen zählten Migrantinnen und Migranten aus verschiedenen Ländern und Nationalitäten aber auch Vertreter der evangelischen Kirche, Mitarbeiter des Büros und Politiker des Freistaates Thüringen. Es war mir eine große Freude, so mit sehr interessanten und hoch engagierten Menschen reden zu können. Wenn ich auch, besonders den Vertretern aus der Politik, gern viel mehr Fragen gestellt hätte, als es das Zeitbudget zuließ, erfuhr ich doch viele interessante und zum Teil berührende Einzelheiten.

Wenn sie sich einen Einblick verschaffen möchten nutzen Sie bitte folgenden Link: https://www.auslaenderberatung-erfurt.de/aktuelles/videos